Mittwoch, 2. Dezember 2009

Das schwatzende Herz

Er ist nervös, sie behaupten er sei wahnsinnig, doch er will ihnen beweisen wie sachlich und ruhig er seine Geschichte erzählen kann. Er meint sein nervöser Zustand habe nur seine sinne geschärft und ihn nicht zerrüttet.

Es verfolgt ihn ein Gedanke: er will den lieben alten Mann umbringen um sich von dessen geierähnlichem Auge zu befreien.

Deshalb geht er sieben Nächte lang, immer gegen Mitternacht zu dem alten Mann, öffnet die Tür seines Schlafzimmers und schiebt langsam seinen Kopf hindurch. Er öffnet seine Laterne, sodass ein feiner Lichtstrahl auf das Auge des alten fällt. Jedoch ist das Auge immer geschlossen und so ist es ihm unmöglich sein Werk zu vollenden.

In der achten Nacht geht er äusserst vorsichtig vor. Als er im Zimmer ist, macht er sich daran die Laterne zu öffnen, doch der Daumen gleitet ihm am Blechverschluss ab. Der Mann erschrickt und schreit: „Wer ist da?“

Eine volle Stunde lang rührt er kein Glied, da hört er ein leises Ächzen, und er wusste, das war das Ächzen tödlichen Entsetzens.

In dieser Zeit, ist des Alten Angst von Minute zu Minute gestiegen und er hat versucht sich zu beruhigen, indem er Vermutungen für das Geräusch aufstellte.

Er beschliesst einen winzig kleinen Spalt der Laterne zu öffnen. Die Laterne wirft nun einen sehr feinen Lichtstrahl auf das Geierauge. Es ist offen und er wird rasend als er es sieht.

Er behauptet, dass das was wir Wahnsinn nennen, nur eine Verfeinerung der Sinne sei, denn er hört in diesem Augenblick ein leises, dumpfes, schnelles Geräusch. Es ist des alten Mannes Herz. Das Trommeln des Herzens wird immer lauter und schneller. Plötzlich fasst er eine neue Angst: das Klopfen könnte von einem Nachbarn gehört werden!

Da schlägt des Alten letzte Stunde! Mit einem lauten Geheul reisst er die Blendlaterne auf und springt ins Zimmer. Der alte Mann schreit auf – nur ein einziges Mal! Im Augenblick zerrt er ihn auf den Boden hinunter und zieht das schwere Federbett über ihn. Nach einigen Minuten ist der Alte tot.

Aus dem Fussboden hebt er nun drei Dielen heraus und bereitet darunter dem Toten sein Grab. Die Bretter legt er wieder an Ort und Stelle. Als er mit dieser Arbeit fertig ist, ist es vier Uhr und drei Polizeibeamte treten ein.

Er erklärt ihnen, dass er den Schrei, in einem Traum, selbst ausgestossen habe und dass der alte Mann aufs Land gereist sei. Zudem bietet er ihnen etwas zu trinken an und sie plaudern fröhlich dahin. Doch plötzlich wird er bleich; das Geräusch ist wieder da. Dieses leise, dumpfe, schnelle Geräusch wird immer lauter und schneller.

Er fragt sich: „Ist es möglich, dass sie nicht hören?“ und plötzlich wird es ihm klar: „Allmächtiger Gott! – nein, nein! Sie hören! – Sie argwöhnen! – Sie wissen! Sie treiben Spott mit meinem Entsetzen!“

„Schurken“ kreischt er, „verstellt euch nicht länger! Ich bekenne die Tat! – Reisst die Dielen auf! – Hier, hier! – Es ist das Schlagen dieses fürchterlichen Herzens.“

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